| Getrennte
Abteile für Schwarze in Kinos, Sitze hinten im Bus, Soldaten beschützen
Schüler, die zur Schule gehen wollen — kaum zu glauben, dass diese
Zustände in den Vereinigten Staaten noch keine 40 Jahre her sind.
Der Kampf gegen diese Ungerechtigkeit und für
die Gleichberechtigung der Schwarzen bildet den Hintergrund des kurzen
Lebens von Martin Luther King (geb. 15. Januar 1929 in
Atlanta, Georgia; ermordet 4. April 1968 in Memphis, Tennessee). Als Beginn
der Bewegung wird von vielen der Busboykott von Montgomery (1955)
betrachtet.
Den
Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung bildete der Marsch auf Washington
(1963), an dem 250.000 Menschen teilnahmen. Musikalisch unterstützt wurde
dieses Massenmeeting u.a. von
Joan
Baez und
Bob
Dylan.
Hier
eine unautorisierte Übersetzung seiner Rede:
Ich freue
mich, heute mit euch zusammen an einem Ereignis teilzunehmen, das als die
größte Demonstration für die Freiheit in die Geschichte unserer Nation
eingehen wird.
Vor hundert Jahren unterzeichnete ein großer Amerikaner, in dessen
symbolischen Schatten wir heute stehen, die Emanzipationsproklamation. Er
kam wie ein freudiger Tagesanbruch nach der langen Nacht ihrer
Gefangenschaft.
Aber hundert Jahre später ist der Neger immer noch nicht frei. Hundert
Jahre später ist das Leben des Negers immer noch verkrüppelt durch die
Fesseln der Rassentrennung und die Ketten der Diskriminierung. Hundert
Jahre später schmachtet der Neger immer noch am Rande der amerikanischen
Gesellschaft und befindet sich im eigenen Land im Exil.
Deshalb sind wir heute hierher gekommen, um eine schändliche Situation zu
dramatisieren. In gewissem Sinne sind wir in die Hauptstadt unseres Landes
gekommen, um einen Scheck einzulösen. Als die Architekten unserer Republik
die großartigen Worte der Verfassung und der Unabhängigkeitserklärung
schrieben, unterzeichneten sie einen Schuldschein, zu dessen Einlösung alle
Amerikaner berechtigt sein sollten. Dieser Schein enthielt das Versprechen,
dass allen Menschen — ja, schwarzen Menschen ebenso wie weißen — die
unveräußerlichen Rechte auf Leben, Freiheit und der Anspruch Glück
garantiert würden.
Es ist heute offenbar, dass Amerika seinen Verbindlichkeiten nicht
nachgekommen ist, soweit es die schwarzen Bürger betrifft. Statt seine
heiligen Verpflichtungen zu erfüllen, hat Amerika den Negern einen Scheck
gegeben, der mit dem Vermerk zurückgekommen ist: "Keine Deckung vorhanden".
Aber wir weigern uns zu glauben, dass die Bank der Gerechtigkeit bankrott
ist. Wir weigern uns zu glauben, dass es nicht genügend Gelder in den
großen Stahlkammern der Gelegenheiten in diesem Land gibt.
So sind wir gekommen, diesen Scheck einzulösen, einen Scheck, der uns auf
Verlangen die Reichtümer der Freiheit und die Sicherheit der Gerechtigkeit
geben wird. Wir sind auch zu dieser merkwürdigen Stätte gekommen, um
Amerika an die grimmige Notwendigkeit des Jetzt zu erinnern.
Jetzt ist nicht die Zeit, in der man sich den Luxus einer
"Abkühlungsperiode" leisten oder die Beruhigungsmittel langsamen,
schrittweisen Fortschritts einnehmen kann. Jetzt ist die Zeit, die
Versprechungen der Demokratie Wirklichkeit werden zu lassen. Jetzt ist die
Zeit, aus dem dunklen und trostlosen Tal der Rassentrennung aufzubrechen
und den hellen Weg der Gerechtigkeit für alle Rassen zu beschreiten.
Jetzt ist die Zeit, unsere Nation aus dem Treibsand rassischer
Ungerechtigkeit zu dem festen Felsen der Brüderlichkeit emporzuheben. Jetzt
ist die Zeit, Gerechtigkeit für alle Kinder Gottes Wirklichkeit werden zu
lassen. Es wäre verhängnisvoll für diese Nation, wenn sie nicht die
Dringlichkeit der gegenwärtigen Lage wahrnehmen würde. Dieser heiße Sommer
berechtigter Unzufriedenheit des Negers wird nicht zu Ende gehen, solange
nicht ein belebender Herbst der Freiheit und Gerechtigkeit begonnen hat.
1963 ist kein Ende, sondern ein Anfang. Wer hofft, der Neger werde jetzt
zufrieden sein, nachdem er Dampf abgelassen hat, wird ein böses Erwachen
haben, wenn die Nation wieder weitermacht wie vorher.
Es wird weder Ruhe noch Rast in Amerika geben, bis dem Neger die vollen
Bürgerrechte zugebilligt werden. Die Stürme des Aufruhrs werden weiterhin
die Grundfesten unserer Nation erschüttern, bis der helle Tag der
Gerechtigkeit anbricht.
Und das muss ich meinem Volk sagen, das an der abgenutzten Schwelle der Tür
steht, die in den Palast der Gerechtigkeit führt: Während wir versuchen,
unseren rechtmäßigen Platz zu gewinnen, dürfen wir uns keiner unrechten
Handlung schuldig machen.
Lasst uns nicht aus dem Kelch der Bitterkeit und des Hasses trinken, um
unseren Durst nach Freiheit zu stillen. Wir müssen unseren Kampf stets auf
der hohen Ebene der Würde und Disziplin führen. Wir dürfen unseren
schöpferischen Protest nicht zu physischer Gewalt herabsinken lassen. Immer
wieder müssen wir uns zu jener majestätischen Höhe erheben, auf der wir
physischer Gewalt mit der Kraft der Seele entgegentreten.
Der wunderbare, neue kämpferische Geist, der die Gemeinschaft der Neger
erfasst hat, darf uns nicht verleiten, allen Weißen zu misstrauen. Denn
viele unserer weißen Brüder — das beweist ihre Anwesenheit heute — sind zu
der Einsicht gekommen, dass ihre Zukunft mit der unseren untrennbar
verbunden ist. Sie sind zu der Einsicht gelangt, dass ihre Freiheit von
unserer Freiheit nicht zu lösen ist. Wir können nicht allein marschieren.
Und wenn wir marschieren, müssen wir uns verpflichten, stets weiter zu
marschieren. Wir können nicht umkehren. Es gibt Leute, die fragen
diejenigen, die sich selbst der Bürgerrechte verpflichtet fühlen: "Wann
werdet ihr endlich zufriedengestellt sein?" Wir können niemals
zufriedengestellt sein, solange der Neger das Opfer der unaussprechlichen
Schrecken polizeilicher Brutalität ist.
Wir können nicht zufriedengestellt sein, solange unsere müden Leiber nach
langer Reise in den Motels an den Landstraßen und den Hotels der großen
Städte keine Unterkunft finden. Wir können nicht zufriedengestellt sein,
solange die Bewegungsfreiheit der Neger in erster Linie darin besteht, von
einem kleinen Ghetto in ein größeres zu gehen.
Wir können nicht zufriedengestellt sein, solange unsere Kinder ihrer
Freiheit und Würde beraubt werden durch Zeichen, auf denen steht: "Nur für
Weiße". Wir können nicht zufriedengestellt sein, solange der Neger in
Mississippi nicht das Stimmrecht hat und der Neger in New York niemand hat,
den er wirklich wählen möchte. Nein, wir werden nicht zufriedengestellt
sein, bis das Recht strömt wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein
mächtiger Strom.
Ich weiß wohl, dass manche unter euch hierher gekommen sind aus großer
Bedrängnis und Trübsal. Einige von euch sind direkt aus engen
Gefängniszellen gekommen. Einige von euch sind aus Gegenden gekommen, in
denen ihr aufgrund eures Verlangens nach Freiheit mitgenommen und
erschüttert wurdet von den Stürmen der Verfolgung und polizeilicher
Brutalität. Ihr seid die Veteranen schöpferischen Leidens. Macht weiter und
vertraut darauf, dass unverdientes Leiden erlösende Qualität hat.
Geht zurück nach Mississippi, geht zurück nach Georgia, geht zurück nach
Louisiana, geht zurück in die Slums und Ghettos der Großstädte im Norden in
dem Wissen, dass die jetzige Situation geändert werden kann und wird. Lasst
uns nicht Gefallen finden am Tal der Verzweiflung.
Heute sage ich euch, meine Freunde, trotz der Schwierigkeiten von heute und
morgen habe ich einen Traum. Es ist ein Traum, der tief verwurzelt ist im
amerikanischen Traum. Ich habe einen Traum, dass eines Tages diese Nation
sich erheben wird und der wahren Bedeutung ihres Credos gemäß leben wird:
"Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich: dass alle Menschen
gleich erschaffen sind."
Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die
Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am
Tisch der Brüderlichkeit sitzen können.
Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages selbst der Staat Mississippi,
ein Staat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und Unterdrückung
verschmachtet, in eine Oase der Gerechtigkeit verwandelt.
Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer
Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern
nach ihrem Charakter beurteilen wird. Ich habe einen Traum heute...
Ich habe einen Traum, dass eines Tages in Alabama mit seinen bösartigen
Rassisten, mit seinem Gouverneur, von dessen Lippen Worte wie
"Intervention" und "Annullierung der Rassenintegration" triefen ..., dass
eines Tages genau dort in Alabama kleine schwarze Jungen und Mädchen die
Hände schütteln mit kleinen weißen Jungen und Mädchen als Brüdern und
Schwestern. Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und
jeder Hügel und Berg erniedrigt wird. Die rauhen Orte werden geglättet und
die unebenen Orte begradigt werden. Und die Herrlichkeit des Herrn wird
offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen.
Das ist unsere Hoffnung. Mit diesem Glauben kehre ich in den Süden zurück.
Mit diesem Glauben werde ich fähig sein, aus dem Berg der Verzweiflung
einen Stein der Hoffnung zu hauen. Mit diesem Glauben werden wir fähig
sein, die schrillen Missklänge in unserer Nation in eine wunderbare
Symphonie der Brüderlichkeit zu verwandeln.
Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, zusammen zu arbeiten, zusammen zu
beten, zusammen zu kämpfen, zusammen ins Gefängnis zu gehen, zusammen für
die Freiheit aufzustehen, in dem Wissen, dass wir eines Tages frei sein
werden. Das wird der Tag sein, an dem alle Kinder Gottes diesem Lied eine
neue Bedeutung geben können: "Mein Land von dir, du Land der Freiheit singe
ich. Land, wo meine Väter starben, Stolz der Pilger, von allen Bergen lasst
die Freiheit erschallen." Soll Amerika eine große Nation werden, dann muss
dies wahr werden.
So lasst die Freiheit erschallen von den gewaltigen Gipfeln New Hampshires.
Lasst die Freiheit erschallen von den mächtigen Bergen New Yorks, lasst die
Freiheit erschallen von den hohen Alleghenies in Pennsylvania. Lasst die
Freiheit erschallen von den schneebedeckten Rocky Mountains in Colorado.
Lasst die Freiheit erschallen von den geschwungenen Hängen Kaliforniens.
Aber nicht nur das, lasst die Freiheit erschallen von Georgias Stone
Montain. Lasst die Freiheit erschallen von Tennesees Lookout Mountain.
Lasst die Freiheit erschallen von jedem Hügel und Maulwurfshügel in
Mississippi, von jeder Erhebung lasst die Freiheit erschallen.
Wenn wir die Freiheit erschallen lassen — wenn wir sie erschallen lassen
von jeder Stadt und jedem Weiler, von jedem Staat und jeder Großstadt, dann
werden wir den Tag beschleunigen können, an dem alle Kinder Gottes —
schwarze und weiße Menschen, Juden und Heiden, Protestanten und Katholiken
— sich die Hände reichen und die Worte des alten Negro Spiritual singen
können: "Endlich frei! Endlich frei! Großer allmächtiger Gott, wir sind
endlich frei!"
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